Das Alte Land

Naturschutzgebiet Bremen Werderland

Was geht dir durch den Kopf, wenn du so einen verwilderten Obstgarten siehst? Vielleicht nichts? Wenn du einen solchen Anblick nicht gewöhnt bist, dann kann es auch sein, dass du gar nicht benennen kannst, was das Bild in dir auslöst. Aber ich kann dir sagen, was ich fühle, meine Gefühle sind ambivalent. Einerseits löst der Anblick dieser Wildnis in mir eine Anspannung aus und ich habe das Gefühl endlich loslassen zu können. Aber warum sind meine Gefühle ambivalent fragst du dich bestimmt? Ich versuche mal das Gefühl ein bisschen genauer zu beschreiben, denn das Gefühl beschäftigt mich schon sehr lange. Kurz – bevor ich in der Vergangenheit herumgrabe – sei noch gesagt, dass sich an dem Tag, an dem ich die Aufnahmen gemacht habe, sehr wenig Insekten in den Apfelbäumen des Naturschutzgebietes im Werderland befanden. Doch das ist nicht der alleinige Grund für mein unwohles Gefühl, aber es hängt damit kausal zusammen. Früher, ich war so um die fünf oder sechs Jahre alt, hatten auch meine Eltern ein paar dieser alten Bäume auf ihrem Obsthof stehen. Und weil ich heute dasselbe fühle, wie damals mein Vater – denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – macht mich der Anblick der insektenarmen Obstbäume sehr nachdenklich und ich empfinde eine Traurigkeit in mir.

Gefühle wachsen wie an Bäumen

Komm, ich erzähle dir noch ein bisschen mehr warum ich so eine Traurigkeit in mir habe und versuche dabei diskret zu bleiben. Schließlich handelt es sich hier nicht um irgendwelche Gefühle. Also nochmal zurück zu meinen Eltern und den alten Obstbäumen auf unserem Hof: Damals, Anfang der 90er Jahre pflegten meine Eltern zwischen den konventionellen Plantagenbäumen auch alte Obstbäume. Hierbei ging es nicht um den Ertrag, denn solche alten Bäume ließen sie bewusst stehen, zum Zwecke des Artenschutzes. Auch heute gibt es ein paar wenige Bauern, die solche alten Bäume pflegen und das ganz bewusst, ganz ohne Pestizide / Insektizide. Diese alten Bäume sind ökologisch von hoher Bedeutung, insbesondere für die vielen Bienen und Falter und andere Insekten, es gibt schon alleine unzählige Arten von Bienen. Sie haben hier einen Lebensraum in dem sie sich „zurückziehen“ können. Ich möchte meinen: Das haben meine Eltern damals schon verstanden. Wie ihr wisst, ist mein Vater vor kurzem verstorben und meine Mutter ist schon lange nicht mehr auf dem Obsthof gewesen. Heute gehört der Obsthof, der früher zwar noch offiziell in den Händen meines Großvaters war und obligatorisch unter der Leitung meines Vaters lief, einem anderen aus „unserer großen Familie“. Ja, auch wir deutsche haben Großfamilien und asozial benehmen können die sich auch und das nicht zu knapp. In unserer „netten Familie“ gibt es viele unausgesprochene Probleme und ein paar dieser Probleme verrate ich dir. Obwohl ich selbst auch schon lange nicht mehr auf dem Hof war, weiß ich; der Hof ist heute ein anderer. Als ich das letze Mal unseren alten Hof besuchte, machte sich ein Gefühl des Aussterbens in mir breit und dieses Gefühl an dem Ort zu erleben, wo ich meine halbe Kindheit verbracht habe, ist um so beschämender. Heute, mit ein bisschen Abstand zu den Dingen die damals passiert sind, sehe ich die Dinge ein bisschen differenzierter. Ich dividiere es mal für meine „Familienangehörigen aus dem weiteren Umfeld“, die ihr Leben lang, auf den vielen Familienfeiern die Klappe hielten und so taten, als könne man diese ganzen Dinge einfach unter den Teppich kehren. *lach*

Hinweis: Die wirklich privaten Dinge, die gehören hier nicht hin, das verbiete ich mir aus Anstand, denn den habe ich dank meiner Mutter noch immer nicht verloren.

Die Verantwortung des Obstbaus in Zeiten des Artensterbens

Heute mache ich dem Hofinhaber, seinem Vater und zufällig dem damaligen Vorstandsvorsitzenden des Elbe-Obst keine Vorwürfe mehr. Aber ich mache sie verantwortlich und nicht nur für die aus architektonischer Sicht missglückteste Umgestaltung eines alten Bauernhofes, seit Entstehung der Höfe im Kedinger Land bzw. im Alten Land (erbaut wurde der Hof 1886). Insbesondere mache ich diese und viele weitere private Personen, der öffentlichen Person namens Elbe-Obst verantwortlich für das Artensterben und für die Zerstörung meiner Lebensgrundlagen und der „meiner Kinder”. Mache ich das aus idealistischen Gründen? Nein, der vollständige Umbau in den Biolandbau ist heute keine Frage mehr, die sich vom Kaufverhalten der Kund*innen abhängig machen lässt. Das ist grotesk, das ist verantwortungslos, denn auch die Elbe-Obst ist verantwortlich für die perfektionierte Darstellung eines roten Apfels wie aus dem Bilderbuch. Liebes Elbe-Obst-Team, zur Wahrheit gehört doch, dass „der perfekte Apfel“ nicht wegen des Seeklimas und des fruchtbaren Marschlandes an der Elbe so aussieht, wie er aus sieht… Hört endlich auf den Kund*innen so einen Unsinn zu erzählen. Und kommt mir jetzt nicht mit dem Argument „Granny-Smith“, die Konkurrenz aus Australien. Diese hochgezüchtete und mit Bienenwachs versiegelte und blank polierte Sorte isst doch heutzutage kein Mensch mehr. „Der perfekte Apfel“ ist einzig und alleine eine Illusion die durch sogenannte *Pflanzenschutzmittel“ herbeigeführt wurde und das zu Lasten der ökologischen Biodiversität und unmittelbar auch zu Lasten meiner eigenen Lebensgrundlage. Und das ist kein Idealistisches Denken, das ist wissenschaftlich fundiertes Wissen.

*synthetische Pestizide / Insektizide

Wer Unrecht sät wird Unheil ernten

Zum Glück haben wir in unserer Demokratie die Gewaltenteilung. Nach meiner Auffassung des vor kurzem veröffentlichten Karlsruher Gerichtsentscheides, ist nicht nur die Regierung verantwortlich für den Klimaschutz/ Artenschutz. Nach meiner Auffassung tragen auch die Elbe-Obst-Bauer*innen eine direkte Verantwortung – auch als private Personen. Insbesondere dann, wenn sie nicht in absehbarer Zeit einen komplett-Umbau in den Biolandbau vollziehen.

PS: Ich kann nicht einfach zusehen, wie die Welt vor meinen Augen vor die Hunde geht, ich bin ein Typ der zum Aktionismus neigt. Nein, ich spreche von Aktionismus nicht Radikalismus, ich will nichts zerstören, das machen „die Anderen“ auch Teile meiner buckeligen Verwandschaft schon genug. #meinungsfreiheit #kunstfreiheit

#stopmercosur

Mein Apel an unsere Bundesregierung und an das EU-Parlament, ob schwarz, grün oder rot, das ist am Ende auch egal: Stoppt den Einsatz von giftigen Pestiziden und Insektiziden/ “Pflanzenschutzmitteln” (*was für eine Selbstverleumdung). Stoppt das damit verursachte Artensterben, stoppt das weltweite Artensterben und stoppt die Handelsverträge mit den Mercosurstaaten, da dort mittlerweile viel mehr „Pflanzenschutzmittel“ gespritzt werden, als hier zu Lande. Da fragt man sich doch, welches Land stellt diese Mittel eigentlich her? *zwinker* #basf #bayer

Diversität in der Stadt

Vielleicht erlebe ich es ja noch, dass ich irgendwann an diesen schönen Ort im Werderland zurückkehre, an dem Ort, wo ich diese schönen Bilder gemacht habe. Vielleicht erlebe ich es wenn es vor lauter Bienen nur so summt, so wie in unserem Stadtgarten.

Wie du durch meine letzten Beiträge erfahren hast, wohne ich wieder in Bremen. Warum wohne ich eigentlich lieber in der Stadt und dann noch in einem urbanen, multikulturell geprägten Stadtteil? Das kann ich dir sagen: Ich bin überzeugt davon, so wie es ein Philosoph, deren Name mir gerade nicht einfällt, einmal sagte, dass die urbane Lebensform für die meisten Menschen eine Lebenform mit Zukunft ist. Sie ist zentral, man braucht kein Auto, man verbraucht weniger Ressourcen, wenn auch eine Stadt insgesamt viel Dreck mit sich bringt. Außerdem oder vor allem ist sie divers und manchmal glaube ich, hier gibt es mehr Biodiversität als auf dem Land. Und außerdem denken mir viele Leute auf dem Land – und ich sage ganz bewusst nicht alle Menschen auf dem Land – viel zu konservativ, viel zu kurz.

Viele Grüße an die selbsternannten Landfrauen und Bauern da draußen.

#altesland #kedingerland #emsland #ostfriesland #studienseminaroldenburg